Fentanyl im Sarganserland:
So steht es um die tödliche Droge
Mehrere Schweizer Städte bereiten sich auf eine mögliche Fentanyl-Krise vor.
Was in den Vereinigten Staaten bereits Realität ist, wird auch
im Sarganserland immer relevanter.
Es ist ein Phänomen, das man vor allem aus dem fernen Amerika kennt. Fentanyl – ein im Labor hergestelltes Opioid, das 50-mal stärker ist als Heroin – sorgt für Horrorszenen in den Städten. Menschen, die sich aufgrund der sedierenden Wirkung der Droge kaum noch bewegen können, und tägliche Todesfälle, die Rettungskräfte an ihre Grenzen bringen.
In der Schweiz war Fentanyl lange kein grosses Thema – zumindest im Vergleich zu den USA. Inzwischen nimmt die Besorgnis über die Droge aber zu. Vor allem in den Städten, wo man sich etwa in Zürich (Link) oder Basel zunehmend auf mögliche Bedrohungen vorbereitet. Und im Sarganserland? Ist Fentanyl hier überhaupt ein Thema? Wir haben bei denen nachgefragt, die sich für suchtkranke Menschen einsetzen oder an vorderster Front gegen die Drogenkriminalität kämpfen.
Fachstelle Sucht in Sargans
Wer mit Damian Caluori (Leiter der Fachstelle Sucht in Sargans) spricht, merkt, wie ernst die Lage ist. Oder bald sein könnte, denn das Sarganserland ist nicht gleich Zürich. In den Städten müsse man sich auf eine rasche Ausbreitung von Fentanyl einstellen. «Anders hier auf dem Land, wo sich das Drogenangebot meist weniger schnell ändert», so Caluori. Aber auch im Sarganserland befürchtet er in den nächsten Monaten eine Entwicklung hin zu mehr Konsumenten.
Diese Verzögerung ist für die Suchtberatung von Vorteil. So hätten sie mehr Zeit für Vorbereitungen. Im Moment gebe es nur vereinzelte Suchtkranke in der Region, die mit Fentanyl in Kontakt gekommen sind. In Zukunft rechnet Caluori aber mit einer deutlichen Steigerung bei den Fällen. Deshalb sensibilisiere man Suchtkranke zunehmend für die Gefahren der Droge und den Umgang damit.
«Heute kann man gar nicht mehr wissen, was man konsumiert. So gut wie überall könnten Fentanyl oder andere gefährliche Mittel drin sein.»
Damian Caluori, Leiter der Fachstelle Sucht in Sargans
Meistens sei es aber gar keine Absicht, wenn jemand Fentanyl zu sich nimmt. Denn oft wird es wegen des niedrigen Preises zum Strecken von Heroin und anderen Drogen verwendet. «Genau das macht mir so Angst. Heute kann man gar nicht mehr wissen, was man konsumiert. So gut wie überall könnten Fentanyl oder andere gefährliche Mittel drin sein», sagt Caluori. Die hohe Potenz der Droge bestärkt seine Sorgen, auf dem Markt gebe es momentan wohl kaum eine gefährlichere Substanz.
Entzugsstation in Pfäfers
Wie aber behandelt man jemanden, der von Fentanyl abhängig ist? Laut Dr. Regula Meinherz, Chefärztin der Psychiatrie in Pfäfers, verhält es sich ähnlich wie bei der Behandlung einer Heroinsucht. Nur ist Fentanyl 50-mal stärker und damit deutlich gefährlicher. Grundsätzlich ist ein kalter Opiatentzug (abruptes Absetzen der Substanzen) nicht tödlich.
Er ist aber körperlich und psychisch sehr belastend. Deshalb wird der Entzug in der Klinik Pfäfers nicht «kalt», sondern mit Hilfsmitteln durchgeführt. Sprich, den Patientinnen und Patienten wird Methadon verabreicht, um die Entzugserscheinungen zu lindern.
In der Entzugsstation sei dies in Bezug auf Fentanyl aber noch nicht angewendet worden. Bisher hätte es keine Behandlung einer Fentanylsucht gegeben. Doch auch Meinherz rechnet in Zukunft mit mehr Konsumenten. Unter anderem ausgelöst durch eine Knappheit von Heroin, so die Chefärztin.
Wie «Der Bund» erst kürzlich schrieb (Link), wird in Afghanistan – wo ein Grossteil des Opiums produziert wird – der Schlafmohnanbau von den Taliban erfolgreich bekämpft. In der Folge sinkt die Opiumproduktion, während synthetische Opioide wie Fentanyl die Lücken füllen.
Kantonspolizei St. Gallen
Bis jetzt ist Fentanyl eine Randerscheinung bei den Straftaten im Kanton St. Gallen. Florian Schneider, stellvertretender Leiter Kommunikation bei der Kantonspolizei, weist aber darauf hin, dass Fentanyl auch ein Schmerzmittel ist und oft als Pflastermedikament getragen wird.
Etwa bei einfachen Personenkontrollen sei es deshalb nicht immer möglich, zu unterscheiden, ob die Person das Pflaster legal oder illegal mit sich führe. «Es ist schlichtweg unmöglich, bei jeder Person eine Überprüfung auf ein Rezept durchzuführen.» Der tatsächliche Missbrauch sei daher schwer zu beziffern.
Eine konkrete Straftat mit Fentanyl wurde im Kanton laut Schneider erst einmal registriert. Ob diese im Sarganserland begangen wurde, könne er aber nicht sagen. Trotz der wenigen Fälle würde man den Drogenmarkt ständig im Auge behalten.
Dabei stelle die Kantonspolizei öfters fest, dass insbesondere bei Jugendlichen ein illegaler Handel mit verschreibungspflichtigen Opioiden, zu denen auch Fentanyl gehört, zu beobachten ist.
Stadtpolizei St. Gallen
Auch in der Hauptstadt ist Fentanyl noch wenig präsent, wie Dionys Widmer sagt. Laut dem Mediensprecher der Stadtpolizei St. Gallen wurden bis jetzt noch keine Vorfälle mit der Droge registriert. Für das Sarganserland ist dies insofern relevant, als Städte oft als Erste von einer Drogenkrise betroffen sind, bevor diese aufs Land übergreift.
Widmer hält es aber wie die Kantonspolizei: «Das Thema ist sehr wichtig zu behandeln.» Deshalb sensibilisiere man Mitarbeitende verstärkt dafür. Die Stadtpolizei arbeitet dabei zusammen mit der Stiftung Suchthilfe. Wöchentlich treffe man sich mit der Stiftung, berät sich zu Massnahmen und zu den Entwicklungen auf dem Drogenmarkt. Wichtig sei aber auch der Blick auf andere Städte in der Schweiz.
So könne man noch besser Trends erkennen und auch mögliche Lösungen für Probleme übernehmen, sagt Widmer.