«Wer bei Sorgen
zum Alkohol greift, schreitet direkt auf
die Suchthölle zu»

41 Jahre ist es her, seit der in Heiligkreuz lebende Konrad Kals seinen letzten Tropfen Alkohol getrunken hat. Grund für die strikte Abstinenz ist eine Sucht, die den damaligen Lehrer in den Abgrund riss – und ihn vor die Entscheidung zwischen Leben oder Tod stellte.

Der Tod sitzt ihm im Nacken, als Konrad Kals 1984 in eine Aargauer Entzugsanstalt einzieht. Eine berüchtigte Anstalt, bekannt für Problemfälle und strikte Regeln. Kals befindet sich zu dieser Zeit in den Abgründen der Alkoholsucht. Das flüssige Gift bestimmt sein Leben, zerstört es regelrecht. Kals bekommt an seinen oft verwahrlosten Mitpatienten mit, wie weit einen der Teufelskreis der Sucht ins Elend führen kann. Ihm wird klar: Entweder er lässt das Trinken für immer sein oder er kann von Glück reden, wenn er das nächste Jahr noch erleben wird.


41 Jahre später, Kals sitzt am Esstisch seiner Wohnung in Heiligkreuz. Dreistöckig, elegant eingerichtet, mit Aussicht auf Mels und den Pizol. Der 71-Jährige greift sich ein Glas und füllt es mit Wasser. Er hat sich für das Leben entschieden, damals in der Entzugsanstalt. Nie wieder Alkohol schwor er sich. Erfolgreich, seit seinem Entzug griff er nicht einmal zum Alkohol. Kals hat sich ein neues Leben aufgebaut. Mit Frau, Kind, glücklich, standhaft. Das Gegenteil zur Zeit vor dem Entzug.


Damit gehört er jedoch zur Ausnahme. 70 bis 90 Prozent der trockenen Alkoholiker fallen laut Statistik in alte Gewohnheiten zurück. Wie also gelingt es ihm, bei einer so hohen Rückfallquote trotz allem trocken zu bleiben? Kals überlegt einen Moment, während sein Blick zum Glas Wasser vor ihm schweift. «Schwer zu sagen, ehrlich gesagt.» So viel sei passiert. Am besten lasse sich alles erklären, wenn er von vorne beginne.

Eine bescheidene, aber glückliche Kindheit

In einem Tiroler Dorf, unter bescheidenen Verhältnissen, wächst Kals auf. Der Vater arbeitet in der Fabrik, die Mutter sorgt für den Haushalt. Acht Kinder gilt es zu betreuen, bei einem mickrigen Arbeiterlohn. «Eine Fahrt ins Nachbardorf fühlte sich für uns bereits wie Urlaub im Ausland an», sagt Kals. Trotz der schwierigen Situation blickt er auf eine glückliche Kindheit zurück. Ausser an Geld fehlt es ihm an nichts.

Als Jugendlicher geht es nach Innsbruck. Er ist eines der wenigen Arbeiterkinder, die in den Genuss eines Studiums kommen. Lässt sich zum Lehrer ausbilden, engagiert sich in einer Studentenverbindung. Er ist stolz auf seinen Weg. Freut sich auf das, was noch kommen wird.


Zum Zeitpunkt seines Abschlusses herrscht im Sarganserland gerade Lehrermangel. Kals entscheidet sich 1974, in die Schweiz zu ziehen und die Herausforderung anzunehmen. Verlässt seine Heimat in Richtung Vilters. Ein grosser Schritt für den damals 20-Jährigen. Dieses Mal ist es nicht nur eine Fahrt ins nächste Nachbardorf. Dieses Mal wagt er sich ins Unbekannte.

Der Schritt ins Unbekannte
wird zur Herausforderung

Bleistifte und Papierkugeln fliegen durch die Luft, es wird gestritten, herumgerannt. Kals steht zum ersten Mal vor seiner 42-köpfigen Klasse in Vilters. Mit der Unterstützung seiner Arbeitskollegen wird er sie mit der Zeit noch zähmen können. Doch der Schritt ins Unbekannte bringt den jungen Lehrer an seine Grenzen. Er versteht kaum Schweizerdeutsch, hat mit Schüchternheit zu kämpfen, fühlt sich im Sarganserland wie ein Fremder. Kontakte zu knüpfen, wird für ihn deshalb zur Herausforderung.

In diesem Moment begeht er einen folgenschweren Fehler. Um seine Sorgen zu betäuben, greift er zum Bier, anstatt sich mit ihnen zu befassen und sie zu verarbeiten. Immerhin geht es ihm nach ein paar Flaschen Bier besser. Über die Folgen macht er sich damals keine grossen Gedanken. Eine fatale Entscheidung, wie Kals später feststellen wird. Noch heute sagt er immer wieder: «Wer bei Sorgen zum Alkohol greift, schreitet direkt auf die Sucht-hölle zu.»

Leise schleicht sich die Sucht heran

Insbesondere seine Schüchternheit bekommt er mit dem Alkohol in den Griff. Jedenfalls, solange er weitertrinkt. Schleichend entwickelt sich bei ihm die Sucht. Bald sind ihm zwei, drei Flaschen Bier am Abend nicht mehr genug. Bis letztlich geschieht, was geschehen muss: Kals merkt, dass er nicht mehr ohne Alkohol kann. «Da ich bei der Arbeit bewusst nie konsumierte, musste ich mich zwischen Trinken und Unterricht entscheiden.» Der mittlerweile erfahrenere Lehrer liebt es, zu unterrichten. Deshalb entscheidet er sich für einen Blitzentzug – obwohl er weiss, dass dies nicht ausreichen wird.


«Der Entzug war strikt und unangenehm, aber überlebenswichtig für mich.»

Seine Klasse steht zu diesem Zeitpunkt kurz vor dem Übertritt in die Oberstufe. Die Schüler müssen, wie damals üblich, für den Schritt in die Sekundarschule eine Prüfung bestehen. Kals hält sich währenddessen strikt an den Entzug, trinkt keinen einzigen Schluck. Doch kaum sind die Prüfungen korrigiert und die Schüler auf dem Weg in die Oberstufe, stürzt er ab.

Er fällt tief ins Loch. Mit ihm wird seine Freiheit und Lebensfreude in den Abgrund gerissen. Es ist eine dunkle, einsame Zeit. Geprägt von Ratlosigkeit. Kals’ Alltag liegt nun in den Händen des Alkohols. Ohne ihn läuft nichts. Doch mit ihm gräbt er sich immer und immer tiefer in das Loch. Mit jedem weiteren Schluck rückt der Tod näher, der nur darauf wartet, ihn mit dem einen Bier zu viel zu erwischen.

Neustart für ein Leben ohne Fesseln

Doch Kals wehrt sich. Er ist es leid, ständig kämpfen zu müssen. Ein Leben ohne Alkohol ist nicht mehr nur ein Gedanke, der in seinem Kopf herumschwirrt. Es ist sein Wille. Also meldet er sich bei der Aargauer Entzugsanstalt, um sich ein für alle Mal von der Sucht loszureissen.

«Der beste Entscheid meines Lebens. Es war strikt und unangenehm, aber überlebenswichtig für mich.» Ein gesamtes Jahr zieht Kals im Aargau den Entzug durch. Lernt das Leben neu kennen. Oder wiedererkennen. Allmählich wird ihm wieder bewusst, wie frei das Leben ohne Sucht ist. Wie zur Zeit vor dem Alkohol. Ohne Fesseln, die ihn ewig zurückgehalten hätten.


«Das Schreiben hat mir definitiv dabei geholfen, trocken zu bleiben.»

Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum der Entzug die beste Entscheidung seines Lebens war. In der Anstalt lernt Kals jemand Besonderes kennen. Eine junge Therapeutin. Sie verlieben sich, heiraten, nachdem er aus der Anstalt entlassen wird, und gründen gemeinsam eine kleine Familie. Zudem startet Kals gleich nach seiner Entlassung seinen Kleinverlag «Alternativverlag Kaschmi». Beginnt damit, seine Erlebnisse aufzuschreiben, und teilt sie mit der Welt in den Büchern «Ein Weg zurück» und «Zurück in die Freiheit!».

Jeder braucht seine Stützen im Leben

Das Glas Wasser vor Kals ist inzwischen leer. Im Glas spiegeln sich seine beiden Bücher, die nebenan auf dem Tisch liegen. Stolz blickt er auf sie. «Das Schreiben hat mir definitiv dabei geholfen, trocken zu bleiben», sagt er. 

Noch heute dient es ihm als eine Stütze. Ebenso seine Familie. Es ist wohl der grösste Unterschied zwischen seinem Leben während und nach dem Alkohol. Jeder braucht seine Stützen, Kals hat sie inzwischen. Doch lange war das anders. Lange irrte er durch das Leben, ziellos und allein.

Ja, der Alkohol habe ihn etwas weniger schüchtern gemacht, sagt Kals. Diese Leere mit falscher Hoffnung gefüllt. «Doch zu welchem Preis?» Auch heute sei er noch etwas schüchtern. Auch heute gebe es noch Tage, an denen er sich am liebsten verkriechen würde. An denen ihm alles zu viel wird. Doch er hat seine Lektion gelernt. Er weiss: Egal, wie gross die Probleme sind, mit Alkohol werden sie nur noch grösser.

Alkoholsucht noch immer auf Platz 1

In der Schweiz geht der Alkoholkonsum seit Jahren zurück. Laut der Stiftung Sucht Schweiz verharrt das Rauschtrinken jedoch auf hohem Niveau. 50 Prozent der Personen, die 2023 Suchthilfe in Anspruch nahmen, wurden wegen Alkoholkonsums behandelt. Schätzungen zufolge sterben in der Schweiz pro Jahr 1500 Menschen an den Folgen ihres exzessiven Alkoholkonsums. Bei rund der Hälfte aller untersuchten Gewaltdelikte im öffentlichen Raum ist Alkohol im Spiel.  Dabei kosten exzessiver Alkoholkonsum und seine Auswirkungen auf das öffentliche Leben die Bevölkerung jährlich rund 2,8 Milliarden Franken.

Alkohol steht laut einer Rangliste deutscher Suchtexperten auf Platz 4 der schädlichsten Drogen. Bei einem Entzug können Erscheinungen wie Schweissausbrüche, Brechreiz, Depressionen oder auch Halluzinationen auftreten. In Entzugskliniken erhalten Suchtkranke bei Bedarf Medikamente zur Linderung der Entzugserscheinungen. Allgemein wird dringend davon abgeraten, den Entzug ohne professionelle Hilfe durchzuführen. Ein sogenannter kalter Entzug kann für einen Suchtkranken sogar tödlich enden. (lm)