Simon lässt sich 
keine Maske aufsetzen 

 Simon Gstöhl ist schwul und liebt es, sich zu schminken. Wie er immer wieder durch Anfeindungen erfahren muss, ist nicht nur Letzteres im Sarganserland noch heute ein Tabu. Für den jungen Wangser aber kein Grund, sich und seine Lebensweise zu verstecken. 


 

Hier und da ragen Pflanzen in die Luft, an einer Wand hängen trendige Collagen, weisse und schwarze Sneaker stehen ordentlich sortiert neben dem Eingang. Nichts in Simon Gstöhls Zimmer wirkt ungewöhnlich, dabei wird doch gerade er auf der Strasse immer wieder als «Sonderling», «Freak» beschimpft.

Das einzige, was in seinem Zimmer auffällt, ist eine Kommode mit Dutzenden von Schönheitsprodukten. Lippenstift, Mascara, Wattepads: Alles, was eine Frau im traditionellen Sinne für ihr tägliches Schminkritual braucht und nur selten im Zimmer eines Mannes zu finden ist. Soll ihn das jetzt zu einem «Freak» machen?
 
«Keine Angst, das ist kein Folterwerkzeug», scherzt Gstöhl, dem es ziemlich egal ist, was andere von ihm denken. Vorsichtig hantiert er mit einer Wimpernzange, versucht damit seine Wimpern nach oben zu biegen.

Für den 20-jährigen Wangser alles andere als ein ungewöhnlicher Vorgang, schliesslich schminkt er sich so gut wie jeden Tag. Bereits als Kind schaute er sich gerne Schminkvideos in sozialen Netzwerken an, klaute auch schon mal Lippenstift oder Puder von seiner Mutter. Aber alles im Geheimen, zu heftig könnten die Reaktionen darauf sein. 

Bis er vor gut zwei Jahren doch den Mut fasste, seine Faszination öffentlich zu zeigen. Schluss mit dem Versteckspiel, warum sich nicht so zeigen, wie man nun mal ist? Ein Meilenstein in seiner Entwicklung – einer Entwicklung, in der er sich selbst gefunden hat und dies auch offen zelebriert. Die aber, wie befürchtet, immer noch auf viel Widerstand stösst.

Leben im Verborgenen

Gstöhl ist nicht transsexuell, sieht sich also nicht als eine Frau, wie viele wegen der Schminke denken. Er ist schwul, lebt das, seit er 16 ist, offen aus. Was in Zürich, Berlin oder New York zum Alltag gehört, ist in ländlichen Gegenden oft noch immer ein Tabuthema – nicht nur die Liebe eines Mannes zum Schminken, sondern vor allem auch die Homosexualität. 

   «Ich hätte in meiner Kindheit wirklich gut eine Aufklärung gebrauchen können.»


«Ich hätte in meiner Kindheit wirklich gut eine Aufklärung gebrauchen können. Oder einfach jemanden, der so ist wie ich und mir zeigt, dass meine Gefühle völlig normal sind.» Doch wie viele Männer leben im Sarganserland schon offen ihre Homosexualität aus? «Erschreckend wenige. Es gibt hier definitiv mehr Schwule, die ihre Sexualität verstecken, als solche, die sie zeigen.» 

Gstöhl erzählt von Unzähligen aus der Region – darunter Familienväter, offen homophobe Männer oder solche von öffentlichem Interesse –, die er über «Grindr», eine Dating-App für Queere, kennengelernt hat. Was viele gemeinsam haben: Nur im Verborgenen leben sie ihr wahres Ich aus.

Kein «Spinner» mehr

Auch Gstöhl kennt dieses Unterdrücken der Gefühle. Wie er sagt, bemerkte er bereits in der zweiten Primarklasse, dass ihm damals Jungs äusserlich mehr gefallen als Mädchen. Dass er aber schwul sei, dass wollte oder konnte er nicht akzeptieren. «Ich sagte mir immer wieder: Nein Simon, so bist du nicht.» Eine kurze Zeit lang hatte er sogar eine Freundin. Eine rein platonische Liebe, wie er später bemerkte.

Durch eine Kollegin lernte er mit 15 Jahren zum ersten Mal einen Jungen kennen. «Einen wie ich. Endlich war ich nicht mehr allein, nicht mehr der einzige Spinner», wie er sich vorher gesehen hat. Womit er bis zu diesem Zeitpunkt nur in sozialen Netzwerken in Berührung gekommen war, wurde plötzlich Realität. Ein Jahr später war es dann so weit: Gstöhl outet sich vor Familie, Freunden, Bekannten. Erntet viel Lob und Zuspruch – aber nicht nur.

«Tunte», «Schwuchtel», «Homo»

Neben der Wimpernzange glänzt das goldene Gehäuse eines Lippenstiftes. Gstöhl spitzt seine Lippen und streicht sanft mit dem Lippenstift darüber. Die Farbe ist so blass, dass sie auf dem Mund kaum zu sehen ist.


Er ist froh, seine wahre Identität nicht unterdrücken zu müssen. Auch wenn das Schwierigkeiten mit sich bringt. Da war zum Beispiel das Outing bei seiner Familie väterlicherseits. Eine streng religiöse Familie, sagt Gstöhl. Der Vater sei kaltherzig mit ihm gewesen, er freue sich nicht, aber was wolle er schon machen, habe er gesagt. Noch schwieriger sei das Outing bei der Grossmutter gewesen. 

Als er ihr von seiner Sexualität erzählte, sei sie in Tränen ausgebrochen. Vor dem Outing hätten sie sich bei einer Begegnung umarmt, jetzt würde nur noch die Hand hingestreckt werden. Und dass Schwule alle Pädophile seien, hätte er sich von ihr auch schon anhören müssen.


In der Öffentlichkeit gibt es verschiedene Arten von Anfeindungen, die Gstöhl erlebt. Die «harmlosesten» seien die Blicke auf der Strasse, oft von unten nach oben. Diese sind für ihn mittlerweile zum Alltag geworden. «Wenn es mir mal nicht so gut geht, denke ich mir schon, ob sich diese Leute nicht endlich mal um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern könnten.» Weniger harmlos sind die Beschimpfungen, die fast immer von Männern kämen, oft von Jugendlichen in Gruppen. «Tunte», «Schwuchtel», «Homo»: Hat er alles schon längst hinter sich.

 «Einfach traurig, dass es manche Leute so aufregt,

nur weil man ist, wie man nun mal ist.» 


Besonders im Ausgang ist die Gefahr gross, schlechte Erfahrungen zu machen. Auf Dorffeste im Sarganserland geht er gar nicht mehr. Die Kombination mit Alkohol an den Anlässen macht alles nur noch schlimmer. An der Melser Fasnacht habe ihm einmal jemand ein Bier über den Kopf geschüttet und ihn als «Schwuchtel» beschimpft, sagt Gstöhl. 

Und in Chur habe eine Frau ihren Freund zurückhalten müssen, damit er ihn nicht verprügelt. Dabei hätte er den Typen gar nicht gekannt, noch nie in seinem Leben gesehen. «Einfach traurig, dass es manche Leute so aufregt, nur weil man ist, wie man nun mal ist!»

Positives mit Negativem vereint

Hier noch zwei, drei Striche, da noch schnell mit dem Pinsel drüber, und fertig ist das Make-up. Gstöhl betrachtet sein Werk noch einmal im Spiegel hinter der Kommode. Stolz fährt er sich mit den Fingern über das Gesicht.

Nicht alle Erfahrungen, die Gstöhl sammelt, sind schlechte Erfahrungen. Aus seinem Freundeskreis und von seiner engen Familie erfährt er viel Unterstützung. Letztlich ist es für ihn auch wichtig, alles mit Humor zu nehmen. Klar gebe es schwierige Momente, in denen er sich am liebsten verkriechen würde. Dennoch ist er mit seinem Leben zufrieden, so wie es ist. «Positive, aber auch negative Erfahrungen haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Und darauf bin ich stolz.»

Gleichzeitig hat er aber auch Angst, dass die Verhältnisse in der Region nicht besser werden. Dass Anfeindungen und Verachtung gegenüber dem Unkonventionellen zunehmen. Seiner Meinung nach braucht es mehr Aufklärung, mehr Vorbilder für die Jugend, mehr Gespräche untereinander. Ganz einfach mehr Berührungspunkte zwischen Homo- und Heterosexuellen.

Es sind Erkenntnisse, die sich bei ihm im Laufe der Zeit angesammelt haben. «Es gab auch schon Begegnungen mit Schwulenfeindlichen, die am Ende der Diskussion zu mir sagten: Du bist eigentlich ein ganz akzeptabler Schwuler, gegen dich habe ich nichts», sagt Gstöhl und rollt mit den Augen. 

Mit Schminke zur Selbstfindung

Schlicht, elegant präsentiert sich sein Werk. Etwas Mascara, Lippenstift, Glitzer, einfach und doch auffallend.

Das war nicht immer so. Als Gstöhl vor zwei Jahren mit dem Schminken anfing, war er noch deutlich exzentrischer. Lange, braune Haare, deutlich mehr Glitzer und Glamour. Seine Regenbogenzeit, wie er es nennt. Doch wie sein Aussehen, so hat auch er sich mit der Zeit verändert. Seine Homosexualität hat sich mit dem Schminken weiterentwickelt.

Aus «Wer bin ich» wurde «Das bin ich». Eine Selbstverwirklichung, die in der Unterdrückung der Kindheit und frühen Jugend nicht möglich war. 

Heute schwärmt er von seinen errungenen Freiheiten. Er könne es sich nicht vorstellen, seine Homosexualität noch länger zu verstecken. Klar, einfach gestalte sich damit das Leben nicht. Doch niemandem auf dieser Welt würde er es wünschen, sich selbst zu vergessen – schon gar nicht für andere. Er hat sich gefunden und das kann ihm niemand mehr nehmen.


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