«Es ist, als könnten der Tod und ich uns kaum loslassen»
Mehrere Jahrzehnte Drogenkonsum, vier Entzugsbehandlungen und zwei Nahtoderfahrungen hat Rico* bereits hinter sich – doch sein Leidensweg
geht weiter. Eine Lebensgeschichte, in der von Beginn an Drogen und der
Tod eine Hauptrolle spielen.
Dieser Duft – frischer Schnee, klare Bergluft. Er löst in Rico* viele Gefühle aus. Gute. Schlechte. Vor allem komplizierte. Er sitzt auf einer knallroten Bank und blickt auf die in der Ferne liegende Pfäferser Psychiatrie, während er tief ein- und ausatmet. Er ist hier so oft ein- und ausgegangen, dass er sie scherzhaft als seine zweite Heimat bezeichnet. Andere lassen sich in der Psychiatrie therapieren, um sie wieder gesund verlassen zu können. Nicht so Rico. Dieses Geschenk des Lebens wurde ihm schon vor der Geburt gestohlen.
Rico ist drogensüchtig. Und das von Beginn an. Seine Mutter konsumierte allerlei Drogen, als sie mit ihm schwanger war. Nachdem sie ihn gebar, mussten die Ärzte mit Opiaten seine Entzugssymptome lindern. Seitdem hat der über 40-Jährige vier Entzugsbehandlungen durchgezogen und zwei Nahtoderfahrungen erlebt.
Sein Leben besteht aus vielen Tiefpunkten. Darüber zu reden, sei nicht einfach, sagt Rico. Er will jedoch eine Stimme für Menschen wie ihn sein, die von der Gesellschaft kaum wahrgenommen werden. Nur soll ihn dabei niemand erkennen. Nicht zum Schutz vor sich selbst. Sondern zum Schutz seiner Mutter.
Trotz allem sein eigener Mensch
Die Wolken verdichten sich. Erste Schneeflocken rieseln auf Ricos schwarze Jacke. Bei allen seinen vier Entzugsbehandlungen war er im Winter in Pfäfers. «Wenn es hier schneit, dann meist so richtig», sagt Rico aus Erfahrung. Am besten sei es, wenn das Gespräch im Psychiatrie-Café weitergeführt werde.
Bergluft weicht dem Duft von frisch gemahlenen Kaffeebohnen. Rico wärmt seine Hände an der Tasse vor sich. «Ich hätte gerne mal mit meiner Mama einen Kaffee getrunken.» Richtig kennenlernen konnte er sie nie, nur zwei Jahre nach seiner Geburt stirbt sie. Todesursache: Heroinüberdosis.
Er weiss, dass sie sein Leben riskierte, bevor es richtig begann. Wie er später erfährt, habe sie nur wenige Tage vor der Geburt «Speedball» konsumiert – eine Mischung aus Kokain und Heroin. Als Neugeborenes habe er stark gezittert und mit Atemproblemen gekämpft. «Dass ich es überhaupt überlebt habe, ist schon ein kleines Wunder.»

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Rico hätte genügend Gründe, seine Mutter dafür zu verachten. All seine Probleme auf ihre Taten zurückführen. Doch das macht er nicht. Ja, vieles könnte wohl anders sein, wenn die Dinge nicht so verlaufen wären, sagt Rico. Trotz allem ist es nicht seine Mutter, die ihn dazu zwingt, Drogen zu konsumieren. «Nein, diese Illusion habe ich hinter mir.» Er ist sein eigener Mensch. Mit eigenem Willen, eigener Verantwortung. Er wünscht sich nur, dass er das schon viel früher hätte sehen können. Bevor er den gleichen Weg wie seine Mutter eingeschlagen hat.
Emotionen nicht im Griff
Nach ihrem Tod kommt Rico in ein Kinderheim. Schon früh zeigt er Verhaltensauffälligkeiten. Anfangs hinkt er besonders in der körperlichen Entwicklung hinterher, später auch mit der emotionalen. Rico wird oft wütend. Auf seine Betreuer, seine Heimgspänli, seine Psychologin. Eigentlich auf alles und jeden. Der Kontakt zu Menschen wird zum Problem.
Nirgends fühlt er sich wohl, kann kaum Freundschaften aufbauen und driftet so früh ins soziale Abseits. Immer wieder verstrickt er sich in Prügeleien, ignoriert Ratschläge. Von den Betreuern wird er zwar fair und respektvoll behandelt. Was ihm jedoch fehlt, ist eine richtige Bezugsperson.
Mit 13 schleicht er zum ersten Mal aus dem Kinderheim. Er sehnt sich nach Freiheit und danach, irgendwo dazuzugehören. Herauszuschleichen wird zur Angewohnheit. Dabei fühlt er sich zwar frei, aber immer noch einsam. Das ändert sich, als er mit 14 auf eine illegale Party im Dorf geht.
Eine gefährliche Illusion
Es stinkt nach Erbrochenem und Urin. Aus den Boxen ertönt Alternative Rock. Rico mischt sich unter die Leute, versucht dazuzugehören. Zu diesem Zeitpunkt hat der Heroinkonsum Hochkonjunktur, Spritzen und Schnupfröhrchen sind auf der Party überall zu finden.
Auch Rico wird das braune Pulver angeboten. Erst zögert er. Er weiss ja, was Drogen mit seiner Mutter gemacht haben. Wie sie Leben zerstören. Aber er weiss auch, wie einsam er ist. Wie sehr ihn das zerdrückt. Endlich könnte sich alles ändern. Doch zu welchem Preis?
«Den ersten Rausch vergisst man nie», sagt Rico in Erinnerung an diese Nacht. Noch nie zuvor hatte er sich so wohlgefühlt. Seine Aggressionen verschwinden. Für einen Moment scheint alles in Ordnung zu sein. Das Heroin hüllt ihn in eine Wärme, die er nie zu spüren bekam. Es gibt ihm, was das Leben ihm zu verweigern scheint. Was er damals aber noch nicht weiss: Dieses Gefühl der Wärme und Kontrolle ist eine gefährliche Illusion. Und wird mit jeder weiteren Nadel schwächer.
Seine Grenzen überschritten
Es dauert nur wenige Wochen, bis der Konsum für Rico zur Gewohnheit wird. Zunächst konsumiert er nur am Wochenende, dann auch mal unter der Woche und schliesslich sogar im Kinderheim. Er jagt dem Gefühl des ersten Rausches buchstäblich nach.
Mit der Zeit gewöhnt sich sein Körper jedoch an die Droge. Er braucht immer grössere Dosen, um überhaupt noch etwas zu spüren. Konsumiert er nichts, plagen ihn Entzugssymptome. Starkes Zittern oder Atemprobleme, wie bei seiner Geburt. Aber auch Angstzustände, Übelkeit, Durchfall und sogar Halluzinationen. «Am schlimmsten ist das Verlangen nach der Droge. Du würdest deine Seele für einen Rausch verkaufen», sagt Rico.
Auswirkungen des Drogenkonsums während der Schwangerschaft
Drogenkonsum während der Schwangerschaft kann schwerwiegende Folgen für Mutter und Kind haben. Bei Kindern steigt das Risiko für Fehlbildungen, Entwicklungsstörungen und spätere Verhaltensprobleme wie ADHS, während Mütter häufiger unter Komplikationen wie Frühgeburten oder Infektionen leiden. Psychische Belastungen wie Schuldgefühle oder soziale Isolation können die Situation zusätzlich erschweren. Glücklicherweise gibt es gezielte Hilfsangebote, die Schwangeren helfen, den Konsum zu reduzieren und die Risiken zu minimieren. Eine frühzeitige Unterstützung ist entscheidend für die Gesundheit beider.
Je tiefer er in diesen Teufelskreis gerät, desto mehr verliert er das Gespür für seine Grenzen. Rico ist 17 Jahre alt, als er diese zum ersten Mal überschreitet. In der Toilette des Kinderheims spritzt er sich die doppelte Menge wie üblich. Eigentlich hätte er zu diesem Zeitpunkt im Unterricht sein müssen. Stattdessen sackt er noch auf der Toilette zusammen – und wacht erst im Krankenhaus wieder auf.
Ein Leben ohne Drogen
«Achtung, diese Stelle ist echt rutschig!» Rico steht auf der Strasse vor der Entzugsstation in Pfäfers. Aus dem Kamin auf dem Dach quillt Rauch heraus. Drinnen wird wohl gekocht, stellt Rico fest. Nach seiner Überdosis mit 17 wurde er an diesen Ort gebracht. Er erinnert sich noch daran, wie er so schnell wie möglich wieder raus wollte. Der Gedanke an ein Leben ohne Drogen war für ihn unerträglich. «Jetzt stehe ich hier und denke nur noch an ein Leben ohne Drogen.»
Damit es zu diesem Sinneswandel kommen konnte, war eine zweite Nahtoderfahrung nötig. Im Alter von 30 spritzt er sich wie einst seine Mutter «Speedball». Heroin allein reicht nicht mehr. Seine Palette an Drogen wird nicht nur vielfältiger, er mischt sie auch immer öfter. Eine fatale Entwicklung.
Rico erlebt eine zweite Überdosis. Bewusstlos wird er auf der Strasse aufgefunden. Sanitäter müssen ihn noch vor Ort mit Naloxon behandeln. Ein Gegenmittel, das die Wirkung von Opioiden blockiert und somit den Rausch abbricht. «Ein grauenhaftes Gefühl, bei dem es vom einen Extrem zum anderen geht.» Ohne das Gegenmittel ist sich Rico jedoch sicher, dass er jetzt nicht mehr am Leben wäre.
Ricos «zweite Heimat»: Die Psychiatrie in Pfäfers im Sommer. Ganz oben links liegt die Entzugsstation. (Pressebild)
Die Zeit danach war für ihn eine Art Besinnung. Bei einem weiteren Aufenthalt in der Entzugsstation wird ihm allmählich bewusst, wer wirklich sein Leben steuert – oder steuern könnte. Lange Zeit schob er die Verantwortung seiner Mutter in die Schuhe. Sie war es ja, die bei der Schwangerschaft Drogen konsumierte. Die einen Suchtkranken Sohn auf die Welt brachte. Die Erkenntnis, dass nichts anderes als sein Leben auf dem Spiel steht, wirft jedoch ein anderes Licht auf die Situation. «Ich wollte mich endlich von diesem schädlichen Gedanken trennen. Mein Leben in die eigene Hand nehmen.»
Angst vor dem Tod
Der Himmel hellt sich wieder auf. Rico schaut etwas bedrückt zur Sonne. «Leider ist es mir bis jetzt noch nicht gelungen, ganz von den Drogen wegzukommen.» Einige Meilensteine hat er bereits erreicht. So konnte er seinen Heroinkonsum mithilfe eines Ersatzmittels deutlich reduzieren. In der Schweiz wird Opioidabhängigen Methadon verschrieben, damit nicht das mit gefährlichen Mitteln gestreckte Strassenheroin konsumiert wird. Allgemein werden die Tage immer mehr, an denen er ohne Drogen auskommt.
Rico ist sich bewusst, dass er es schaffen kann. Und dennoch: Die Angst vor dem Versagen ist gross. Die Angst davor, wie seine Mutter zu enden. Er denkt oft an ihren Tod. Wie er selbst zweimal nur knapp eine Überdosis überlebte. «Es ist, als könnten der Tod und ich uns kaum loslassen. Ständig schwirrt er in meinem Kopf herum.»
Aufgeben ist für Rico keine Option. Er hat sich dieses Leben nicht ausgesucht, mit den vielen Steinen im Weg. Doch er hat gelernt, wie wertvoll es sein kann. Die Hoffnung ist stärker als die Sucht. Egal, wie oft er auf seinem Weg noch zurückgeworfen wird – Rico steht wieder auf.
*Der Name ist der Redaktion bekannt.