«Die Realität ist nicht nur schwarz-weiss»
Wo drückt der Schuh? Und was hat ausgerechnet US-Präsident Donald Trump mit Mels zu tun? Peter Schumacher gibt in seinem ersten Interview als Gemeindepräsident einen Einblick in die aktuelle Situation der Gemeinde.
Ein Jahr nach dem Wechsel im Gemeindepräsidium in Mels kann man sagen, dass dieser ruhig verlief. Peter Schumacher hat sich in sein neues Amt eingelebt und bisher mit wenig Gegenwehr zu kämpfen gehabt. Zu spüren bekommt man das auch im Gespräch des «Sarganserländers» mit dem «neuen» Gemeindepräsidenten. Schumacher blickt darin auf die ersten Tage zurück, nimmt Stellung zu heiklen Themen wie Tempo 30 oder «Collina» und scheut auch keine Kritik am Zeitgeist.
Herr Schumacher, acht Jahre lang haben Sie als Anwalt das Gesetz vertreten. Nun sind Sie, bildlich gesprochen, das Gesetz. Wie verlief dieser Wechsel vom Gericht ins Rathaus für Sie?
Peter Schumacher: Es war eine wirklich intensive Zeit. Während ich am alten Arbeitsplatz meine Fälle abgeschlossen habe, war ich gleichzeitig als GPK-Präsident der Gemeinde für die letzten Geschäfte zuständig und auch schon mitten in der Vorbereitung und Konstituierung des Rates für meinen Amtsantritt als Melser Gemeindepräsident.
Eine Vorbereitung auf das Amt des Gemeindepräsidenten? Ich dachte immer, man würde einfach ins kalte Wasser geworfen.
(lacht) So schlimm ist es dann auch wieder nicht. Lustigerweise hat mich erst kürzlich ein Jugendlicher gefragt, ob man eine Lehre zum Gemeindepräsidenten machen kann.
Was natürlich nicht der Fall ist.
Nein, in meinem Fall wurden wir gut einen Monat vor dem Amtsantritt von der Gemeindeverwaltung einfach gebrieft und die Gemeinderatsressorts verteilt, damit ab Tag eins richtig gearbeitet werden konnte.
Hat Ihnen dabei Ihre Erfahrung als Anwalt beim Einstieg geholfen?
Es gibt zwei Aspekte. Zum einen hatte ich bereits zuvor ein Verständnis für die gesetzlichen Grundlagen, was mir sicherlich geholfen hat. Zudem besitze ich – auch dank meiner Erfahrung als Anwalt – eine rasche Auffassungsgabe. Andererseits unterscheiden sich die beiden Tätigkeiten doch deutlich. Als Gemeindepräsident arbeite ich weniger im Detail. Grundlagenarbeiten übernehmen oft andere. Die Entscheidungen liegen jedoch bei mir. Ausserdem verläuft alles viel schneller.
Wenn Sie schon von Ihrer raschen Auffassungsgabe sprechen: Mit welchen Problemen kämpft die Gemeinde Mels?
Wie schon seit Langem ist die schiere Grösse der Gemeinde die grösste Herausforderung. Bei den verschiedenen Ortsteilen muss man immer auf den Zusammenhalt achten. Dazu kommt das riesige Strassennetz. Allgemein die ganze Infrastruktur, die man fortlaufend erneuern muss. Als grösste und einwohnerstärkste Gemeinde haben wir auch eine gewisse Verantwortung in der Region. Das bedeutet natürlich nicht, dass alle Gemeinden im Sarganserland unserer Meinung sind.
Trotz der Grösse haben Sie sich erst kürzlich in einem unserer Artikel kritisch zum Wachstum der Gemeinde geäussert.
«Kritisch» ist das falsche Wort. Wir analysieren schlicht das Wachstum. So gut wie jeder Raumplaner sagt uns, dass man mit einem Wachstum wie in Mels in den vergangenen Jahren nie mit der Infrastruktur nachkommt. Allein durch 100 neue Einwohner kommen gut zehn bis 15 Schülerinnen und Schüler hinzu. Das ist fast schon eine ganze Klasse. Auch der Verkehr und der Bedarf nach Wohnungen steigt dadurch an. Mehr Menschen bedeuten schliesslich auch einen höheren Bedarf an Raum. Und den haben wir trotz unserer Grösse kaum noch.
Was will die Gemeinde dagegen unternehmen?
Man kann niemanden verbieten, hierher zu ziehen. Der Gemeinderat sieht jedoch ein qualitatives Wachstum vor. Mels soll kontrolliert wachsen. Es ist ja schön, dass wir für viele so attraktiv sind. Und das soll auch so bleiben. Wir streben jedoch ein Wachstum von unter einem Prozent pro Jahr an, was als qualitatives Wachstum bezeichnet wird. Damit wird die Gemeinde nicht überfordert und sie behält ihr familiäres Umfeld.
Aber nochmals: Wie soll das der Gemeinde gelingen? Sie sagen es selbst, man kann den Menschen nicht verbieten, hierher zu ziehen.
Letztlich ist es eine Frage der Raumplanung. Noch in diesem Monat werden wir Quartiergespräche führen und die Bevölkerung fragen, wie sie das Wachstum sieht. Je nachdem, wie die Umfrage ausfällt, könnten wir zum Beispiel mehr oder weniger Gebiete in unsere Aufzonungsplanung aufnehmen. Wir könnten auch die Vorschriften erhöhen oder uns im Baureglement auf das absolute Minimum beschränken. Allein diese Massnahmen können das Wachstum beeinflussen.
Neben dem Wachstum ist die Situation rund um das «Collina» ein Dauerthema.
Ja, da hat sich einiges getan.
Vor Ihrer Wahl haben Sie sich noch für eine Entpolitisierung des Verwaltungsrats eingesetzt. Nun sind Sie seit einem Jahr dessen Präsident. Bleibt Ihre Mission die gleiche?
Mein Ziel ist nach wie vor dasselbe. Wie schnell mir das gelingen wird, kann ich zum aktuellen Zeitpunkt nicht sagen. Schliesslich sind sechs Gemeinden am Zweckverband beteiligt. Das sind sechs Gemeindepräsidien, die mitsprechen wollen. Wir arbeiten derzeit daran, die Strategie zu verfeinern und den Zweckverband weiterzuentwickeln. Das ist jedoch ein langwieriger Prozess, der von allen Beteiligten unterstützt werden muss. Falls dies nicht der Fall sein wird, wird der Zweckverband wie bisher weitergeführt.
In Mels geht das Gerücht um, dass auf dem gesamten Gemeindegebiet Tempo 30 eingeführt werden soll. Stimmt das?
Ich bin der Meinung, dass flächendeckend Tempo 30 nicht der richtige Ansatz ist. Wir wollen bei den Umfragen in den Quartieren auch dieses Thema ansprechen. Erfahrungsgemäss fahren nicht selten jene mehr als 30, welche in den Quartieren wohnen. Oft haben sie das Gefühl, dass sie die Strassen ja sowieso kennen und dadurch nichts passiere. Rein fachlich sind Kollisionen mit 30 km/h nun mal deutlich weniger gefährlich als mit 50 km/h. Tempo 30 sorgt auch für Erleichterungen im Mischverkehr.
Flächendeckendes Tempo 30 könnte trotz Ihrer Meinung also doch Realität werden?
Möglich ist es. Aber nur, wenn die Bevölkerung es so will. Und das sehe ich einfach nicht. Meiner Meinung nach ist flächendeckendes Tempo 30 nicht mehrheitsfähig. Nach unserem Plan sollen auf verkehrsorientierten Strassen die normalen Geschwindigkeitsbegrenzungen beibehalten werden. In mehreren Quartieren sehen wir jedoch Potenzial für Tempo 30, das wir dort problemlos einführen könnten. Welche Quartiere dies sein werden, wird das fertige Gesamtverkehrskonzept zeigen.
Gehen wir noch einmal ins Rathaus zurück. Bei Ihrer Wahl hat sich auch der restliche Gemeinderat neu formiert. Ist es Ihnen trotz der neuen Gesichter gelungen, das Vertrauen in die Gemeindeverwaltung zu sichern?
Das ist schwierig zu beantworten. Der Wechsel im Präsidium und auch im Rat hat sicherlich einen Neuanfang ermöglicht. Es ist ein bisschen wie ein weisses Blatt, dass man neu beschreiben kann. Von dem haben wir als Rat definitiv profitiert. Umgekehrt haben wir auch unseren eigenen Beitrag dazu geleistet, dass das Vertrauen in die Gemeindeverwaltung wieder zugenommen hat.
Wie genau?
Etwa mit unserer Kommunikationsstrategie. Da haben wir ja zum Beispiel «Üsers Mels» aufgegleist. Damit wollen wir die Bevölkerung so transparent wie möglich informieren. So zeigen wir, was wir tun, und bieten eine Alternative zu den Gerüchten im Dorf. Vertrauen muss man sich aber nicht einmal, sondern jeden Tag aufs Neue erarbeiten. Wir wollen unser Bestes tun. Da kann auch mal etwas schieflaufen. Das gehört dazu, und dazu stehen wir auch. Diese Haltung ist heute besonders wichtig.
Was meinen Sie damit?
Damit meine ich den Zeitgeist der Ära Trump. Oft geht es nur noch um Empörung. Aus jeder Mücke wird ein Elefant gemacht, vieles wird zugespitzt. Die Realität ist aber nicht nur schwarz-weiss. Oft ist der Mittelweg der richtige. Manchmal ist es auch von Vorteil, den Umgangston etwas zu dämpfen.
Das werden Sie in Ihrer Gemeinde wohl auch zu spüren bekommen.
Es gibt viele schöne Begegnungen. Aber eben auch weniger schöne. Es gibt Menschen, die dazu neigen, schnell auszurufen. Dabei wird oft vergessen, dass auch wir nur Menschen sind. Ich wünsche mir wirklich mehr Anstand und Respekt – nicht nur gegenüber mir und der Gemeindeverwaltung, sondern gegenüber allen Mitmenschen.